„Jetzt starten und später anpassen“

veröffentlicht am 20. März 2026 | Kategorie: Aktuelles

„Jetzt starten und später anpassen“

 

Was bei der geplanten Reform der Altersvorsorge für Gründerinnen und Nachfolger herauskommt, ist völlig offen. Die Vorsorgeexperten Marius Müller (l.) und Marc Zirzow (r.) erklären, wie junge Chefs und Chefinnen jetzt schon für den Ruhestand planen können.

Herr Müller, wer gerade gründet, denkt meist an Wachstum – nicht an Rente. Warum sollte man sich trotzdem früh mit Altersvorsorge beschäftigen?

Marius Müller: Gründer haben den Kopf natürlich voll mit anderen Dingen: Läuft das Geschäftsmodell, trägt sich die neue Firma überhaupt? Deshalb rate ich in der Startphase, erst mal Stabilität zu schaffen. Anschließend kann man dann gezielt die Altersvorsorge angehen. Wichtig ist aber, früh über das Thema zu sprechen und den Weg vorzubereiten – wir begleiten Gründer dabei von Anfang an. Wer übernimmt, statt zu gründen, steht anders da: Das Unternehmen existiert ja schon, wirtschaftlich läuft es meist. In solchen Fällen sollte man direkt mit der Vorsorge starten. Je früher man anfängt, desto mehr lässt sich mit geringeren Beiträgen langfristig erreichen.

Viele Selbstständige sehen ihr Unternehmen selbst als Altersvorsorge. Funktioniert das noch, Herr Zirzow?

Marc Zirzow: Die klassische Nachfolge, bei der der Inhaber seinen Betrieb verkauft und davon lebt, funktioniert immer seltener. Selbst langjährige Mitarbeiter von Firmen gründen oft lieber neu, statt hohe Preise für eine gewachsene Struktur zu zahlen. Wer also allein auf einen späteren Verkauf setzt, plant mit Unsicherheiten.

Wie sollte man stattdessen vorgehen? Welche Instrumente sind sinnvoll?

Zirzow: Für Gründer, die noch flexibel bleiben müssen, sind Fonds- oder ETF-Sparpläne oft ein guter Einstieg. Die tragen zwar eher zum Vermögensaufbau bei als zur Altersvorsorge, schaffen aber finanzielle Reserven. Danach kann man schrittweise in klassische Vorsorgeformen gehen.

Müller: Entscheidend ist die Unternehmensform. So kann bei einer Kapitalgesellschaft für den geschäftsführenden Gesellschafter die betriebliche Altersversorgung (bAV) ein starkes Instrument sein. Hier lassen sich bis zu acht Prozent der Beitragsbemessungsgrenze steuerfrei einzahlen. Zudem bietet sich die Möglichkeit, über Durchführungswege wie Unterstützungskasse oder Pensionszusage die bAV als vollumfängliche Vorsorgelösung zu gestalten. Einzelunternehmer hingegen können – in der Sparphase steuerbegünstigt – über eine Basisrente vorsorgen. Wichtig ist abzuwägen: Möchte ich heute Steuern sparen und die Leistungen später versteuern? Oder zahle ich Beiträge aus versteuertem Einkommen und habe später steuerbegünstigte Leistungen?

Und die klassische Rentenversicherung – ist die noch zeitgemäß?

Zirzow: In modernem Gewand schon. Das klassische Modell mit 100-prozentiger Garantie gibt es kaum noch, weil die Verzinsung nicht mehr attraktiv ist. Heute kombinieren moderne Policen Sicherheit mit Ertragschancen aus Kapitalanlagen. Die Bandbreite reicht von privaten bis zu Basis- und Betriebsrenten – die Grundidee bleibt, nur die Gestaltung ist flexibler.

Wie viel Geld sollten Gründer oder Nachfolger zurücklegen?

Zirzow: Das, was geht. Selbst wenn junge Unternehmerinnen und Unternehmer am Anfang nur kleine Beträge aufbringen können, ist das viel wert. Je älter sie sind, desto mehr müssen sie tun, um ihr Altersvorsorgeziel zu erreichen.

Müller: Das hängt vom Einzelfall ab und lässt sich nicht pauschal beantworten. Als erste Orientierung können Selbstständige jedoch den Vergleich anstellen, welchen Beitrag sie in der gesetzlichen Rentenversicherung leisten würden, und diesen Betrag als Mindestgrundlage festlegen.

Was ist mit Berufsgruppen wie Ärzten oder Anwälten, die über Versorgungswerke abgesichert sind?

Müller: Da lohnt der Blick in die Satzung. Die Leistungszusagen unterscheiden sich teils erheblich. Man sollte genau prüfen, was tatsächlich garantiert ist und ob das gewünschte Versorgungsniveau erreicht wird.

Zirzow: Ich frage meine Kunden häufig, ob sie den Lebensstandard, den sie heute haben, im Alter verringern wollen. Die Antwort lautet immer Nein. Und dann reift die Erkenntnis, dass sie noch ein bisschen Geld zusätzlich in die Hand nehmen müssen.

Die Bundesregierung plant, die Altersvorsorge 2027 zu reformieren. Sollte man die Ergebnisse besser erstmal abwarten, bevor man handelt?

Zirzow: Warten bringt nichts. Niemand weiß, was kommt, und die Reform wird kein Wundermittel sein. Es werden vermutlich ein paar Produkte kommen, die minimal gefördert werden. Wer jetzt zwei Jahre aussetzt, muss später mehr einzahlen, um dasselbe Ziel zu erreichen. Jetzt starten und später anpassen – das ist der bessere Weg.

Müller: Genau. Die heutigen Vorsorgeangebote sind flexibel genug, um später auf neue Regelungen zu reagieren.

Gibt es noch einen Punkt, den Gründer und Nachfolger unbedingt mitdenken sollten?

Zirzow: Ja, den Schutz der Arbeitskraft. Manche glauben, über die gesetzliche Rente sei man gegen Erwerbsminderung ausreichend abgesichert – das stimmt nur sehr eingeschränkt. Eine eigene Berufsunfähigkeitsversicherung oder ein ähnlicher Schutz gehört unbedingt dazu.

Müller: In jedem Fall gilt: Es gibt keine Standardlösung. Jeder Unternehmer ist anders – Gründung, Übernahme, Branche, Rechtsform, Lebensplanung. Gute Vorsorgeberatung heißt, genau diese Individualität ernst zu nehmen.

 

Interview: Christian Baulig


Marius Müller
ist Fachberater für Vorsorgemanagement und betriebliche Altersvorsorge bei S-FinanzServices Hannover.

Marc Zirzow
betreut bei der Sparkasse Hannover gewerbliche Kunden als Vermögens- und Vorsorgemanager.


Weitere Infos: Wie können junge Menschen finanziell fürs Alter vorsorgen? Die Sparkasse Hannover bietet hierzu zahlreiche Informationen. Einen individuellen Beratungstermin können Sie hier vereinbaren.