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„New Work“ – Was steckt dahinter?

veröffentlicht am 15. Juli 2021 | Kategorie: Aktuelles

Chefs erwarten von ihren Mitarbeitern zunehmend Eigenverantwortung und Selbstständigkeit. Viele Beschäftigte fühlen sich jedoch überfordert. Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Hilmar Schneider erklärt, wie aus strukturgebundenen „Uhrwerkern“ unternehmerisch handelnde „Macher“ werden – und warum dieser Prozess schon in der Schule beginnen muss.

 

Professor Schneider, „agiles Arbeiten“, „New Work“, „Holokratie“ – die Forschung beschreibt die neue Arbeitswelt mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Begriffe. Was steckt dahinter?

Seit den 1980er-Jahren versuchen Wissenschaftler zu erklären, wie unternehmerisches Denken und Handeln stärker in der Arbeitnehmerschaft verankert werden können. Mit neueren Konzepten wie „New Work“ oder „Holokratie“ verbinden sich zudem weitreichende Erwartungen an die Entscheidungsbefugnisse von Arbeitnehmern, etwa wenn es um die Festlegung von Gehältern oder um die Einstellung neuer Kollegen geht.

Um Mitarbeiter zu motivieren, lassen sich Unternehmen heutzutage eine Menge einfallen – von ergonomisch optimierten Arbeitsplätzen bis hin zu umfassenden Mitspracherechten. Warum sind dennoch so viele Beschäftigte unzufrieden?

Wir tun oft so, als ob diese Faktoren allein ausschlaggebend dafür seien, ob Menschen am Arbeitsplatz glücklich sind und motiviert. Sie werden so jedoch auf reine Reizreaktionsobjekte reduziert. Eine völlig banale Erkenntnis gerät dabei völlig aus dem Blick: Die Arbeitsbedingungen müssen zu den Menschen passen, die dort tätig sind.

Was meinen Sie damit?

Wir haben es mit unterschiedlichen Persönlichkeiten zu tun. Manche Menschen übernehmen gerne Verantwortung und wollen gestalten. Ich nenne sie „Macher“. Andere ziehen eine möglichst exakt definierte Rolle in festen Strukturen vor: Das sind die „Uhrwerker“. Beide sind glücklich, wenn sie in einer Umgebung arbeiten, die ihren Bedürfnissen entspricht. Umfragen an unserem Institut haben allerdings gezeigt: Ein Viertel der Arbeitnehmer in Deutschland ist am falschen Arbeitsplatz. Vor allem die überforderten „Uhrwerker“ sind unzufrieden.

 


Vier Thesen

  • „,Uhrwerker‘ und ,Macher‘ haben beide ihre Stärken. Die sie aber nur in Umgebungen entwickeln können, die an ihre Bedürfnisse angepasst sind.“

  • „Die Rolle von Arbeitnehmern hat sich verändert, weil sie in der Regel keine klaren Produktionsziele erfüllen müssen, sondern nur vage Vorgaben erhalten.“

  • „Es wird immer wichtiger, Informationen aus Bereichen beurteilen zu können, in denen man selbst nicht hinreichend kompetent ist.“

  • „Neue Arbeitsweisen, an der richtigen Stelle eingesetzt, können die Arbeitsmotivation stärken und Konfliktpotenziale reduzieren.“


 

Warum ist eigenverantwortliches Handeln heute so wichtig?

Weil wir in der Regel keine gleichförmigen Ziegelsteine produzieren, sondern am laufendenden Band Unikate herstellen. An die Stelle von klaren Produktionszielen sind vage umschriebene Produktvorgaben, Planungskonzepte oder Marketingstrategien getreten. Kein Vorgesetzter kann heute bestimmen, wie das Produkt am Ende genau auszusehen hat. Die Rolle von Arbeitnehmern hat sich dadurch verändert. Sie bestimmen mit ihren Fähigkeiten und ihrer Eingebung darüber, welche Gestalt das Ergebnis am Ende annimmt. Mental nähern sie sich damit der Rolle von Selbstständigen an. Sie sind Unternehmer im Unternehmen.

Es braucht also mehr als Fachkenntnisse?

Fachkenntnisse sind wichtig. Es kommt aber auch darauf an, Informationen aus Bereichen, in denen man selbst nicht hinreichend kompetent ist, beurteilen zu können, um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Wie bringen wir Menschen dazu, mehr Verantwortung zu übernehmen?

Das kann sehr anstrengend sein, vor allem in großen Unternehmen. Ein erheblicher Teil der Energie wird dort von internen Steuerungsprozessen absorbiert. Kleine Unternehmen sind oft so erfolgreich, weil sie diesen Ballast nicht haben. Sie können sich viel stärker auf das konzentrieren, was sie gut können. Für große Unternehmen lohnt es sich daher zu experimentieren. Doch wir müssen die Mentalität auch in der Breite ändern.

Wie denn?

Zum Beispiel, indem wir in den Schulen eigenverantwortliches Lernen fördern, statt frontal zu unterrichten. Junge Menschen erwerben dabei eine universelle Fähigkeit, nämlich die, aus einer Flut von Informationen diejenigen herauszufiltern, die für eine Fragestellung relevant sind.

Könnten neue Arbeitsweisen dazu beitragen, den Fachkräftemangel zu lindern?

Mehr Fachkräfte entstehen dadurch leider nicht. Organisatorische Maßnahmen können aber dazu beitragen, die Arbeitsmotivation zu stärken und Konfliktpotenziale zu reduzieren. Und ein Unternehmen, das dies schafft, wird zweifellos im Wettbewerb um talentierte Mitarbeiter Vorteile erringen können.

 

Prof. Dr. Hilmar Schneider ist seit 2016 CEO des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Zuvor leitete der Sozialwissenschaftler und Ökonom das Luxemburgische Institute of Socio-Economic Research. Zwischen 2001 und 2013 war Schneider bereits als Direktor Arbeitsmarktpolitik am IZA tätig. Das 1998 von der Deutschen Post Stiftung gegründete Wirtschaftsforschungsinstitut ist mit rund 1.600 Wissenschaftlern das weltweit größte Forschungsnetzwerk der Ökonomie.

Text: Christian Baulig
Fotos: privat, Adobe Stock

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